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Intro
Ausstellungstext zu Rudolf Urech-Seon

«Rhythmen, Systeme, Strukturen und Bewegung»

Ende der 1920er-Jahre entwickelt der Schweizer Maler und Zeichner Rudolf Urech-Seon (1876 –1959) eine Formensprache, in welcher er seine natürliche Umgebung in reduzierende Flächen und Linien aufteilt. Damit gehört der Künstler zu den ersten Schweizer Kunstschaffenden, welche sich der Abstraktion verschreiben. Die Gemälde, die in den 1940er und 1950er-Jahren entstehen, erinnern mit ihrer reduzierten Farbpalette und den flachen, geometrischen Formen an die Zürcher Konkreten. Die Hauptvertreter dieser Kunstströmung, Max Bill (1908 –1994) und Richard Paul Lohse (1902 –1988), sind jedoch eine Generation jünger als Urech-Seon und vertreten die Meinung, dass die konkrete Kunst eine rationale und mathematisch begründete Kunst sei – «ohne äusserliche Anlehnung an Naturerscheinungen oder deren Transformierung» (Sandra Gianfreda et al.: Max Bill: Aspekte seines Werkes. Kunstmuseum Winterthur (2008), S.7). 1943 erscheint Bills Aufsatz «Von der abstrakten zur konkreten Malerei im XX. Jahrhundert», in welchem er die konkrete Kunst als «vehemente Verneinung der Abstraktion des Gegenständlichen» (Pro Arte (Genf), vol. 2, no. 15 /16 (1943). Überarbeitet für den Ausstellungskatalog «arte astratta e concreto», Mailand (1947)) beschreibt. Gehört Urech-Seon zu den Zürcher Konkreten und kann er als erster Schweizer Konkreter angesehen werden?

Im Publikationsjahr von Bills Aufsatz zitiert Urech-Seon in seinem Notizbuch: «Das blosse Wohlgefallen entscheidet nichts, Schönheit ist etwas, was sich beweisen lassen muss» (ausgestellt in der Vitrine im Raum 1). Der Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin (1864 –1945) hat diese Aussage in Zusammenhang mit Albrecht Dürer (1471–1528) und seiner Suche nach der perfekten Komposition gemacht. Auch den Maler Urech-Seon, der seinen Geburtsort Seon nie für längere Zeit verlässt, beschäftigt die Suche nach dem idealen Kunstwerk.

Der junge Schweizer kommt 1913 an der Münchner Kunstakademie erstmals mit mathematischen Konstruktionsverfahren in Berührung. Sein Lehrer, Hermann Groeber (1865 –1935), lehrt seine Schüler die Kompositionskonzepte Albrecht Dürers. Insbesondere den «Villard’schen Teilungskanon», ein frühgotisches Schema zur geometrisch exakten – in Form, Proportion und Ästhetik ausgewogenen – Teilung von rechteckigen Flächen (vergleiche Skizzenbücher in der Vitrine im Raum 1). Zurückgekehrt in die Schweiz beginnt Urech-Seon, dieses Proportionsverfahren in seinen bisher naturalistischen Landschaftsmalereien anzuwenden. Ebenfalls in Urech-Seons Klasse ist der deutsche Künstler Walter Dexel (1890 –1973). Auch bei diesem ist die Anwendung des von Groeber gelehrten Konzepts zu erkennen. Dexels erste konstruktiv aufgebaute Bilder weisen noch figurative Anklänge auf. Bald schon beginnt
er aber, geometrische Bilder ohne jeglichen Gegenstandsbezug zu malen, die, anfänglich vielteilig aufgebaut, ab 1923 immer reduzierter werden.


Urech-Seon entwickelt den «Villard’schen Teilungskanon» ebenfalls weiter. Jedoch bleibt der Künstler der Natur lange treu und findet erst in den 1940er-Jahren in die Gegenstandslosigkeit. Er verwendet weiterhin geometrische Kompositionsraster als Grundlage und komponiert darüber harmonische, mathematisch-stilisierte Formen, welche ihren Ursprung wohl in der tausendfach wiederholten Betrachtung seiner engeren Heimat finden (vergleiche Gemälde «Comp. 24» im Raum 2). «Die Schönheit, was das ist, das weiss ich nicht» (Albrecht Dürer: Ästhetische Schriften.Von Schönheit, Londoner Handschriften, 5302 fol,14f. (1508/09)), so Albrecht Dürer.
Es mag erstaunen, dass dieser Ausspruch von Dürer stammt, dem Grossmeister, welcher seinerzeit versuchte, die Malerei in wissenschaftlicher Weise zu vervollkommnen, Natur zu messen und in der Kunst umzusetzen. Am Lebensende hält Dürer fest, dass Schönheit unergründlich und unfassbar ist. Vielmehr ist die Schönheit in der Natur zerstreut, «wer sie herausnehmen kann, hat sie» (Ibid.). In den letzten Jahren wird wiederholt festgehalten, Urech-Seon sei kein konsequent abstrakter Künstler gewesen. Seine lebenslängliche Ortsansässigkeit wird oft auch mit Naivität in Verbindung gebracht. Sicherlich hat Urech-Seon nie zum Konstruktivismus nach Bill gefunden, zu der Ausdrucksform einer ungegenständlichen Kunst, die nicht von der Anschauung abstrahiert. Die in dieser Ausstellung zusammengetragenen, meist ungezeigten Vorstudien und Malereien lassen erahnen, dass dies vielleicht eine bewusste Entscheidung des Künstlers gewesen ist. Denn schliesslich fand Urech-Seon die Schönheit nicht in der reinen mathematischen Komposition, sondern in der Natur. «Man malt doch nicht nur für diese kurze Spanne Zeit, Jahrtausende sind vorübergegangen», dies schreibt Urech-Seon damals ebenfalls in sein Notizbuch. Er datiert sein letztes Werk «Composition» (1959) in das Jahr 1989.

 

Text: Christian Herren (Porte Blanche)