Direkt zum Inhalt
|
Intro
Ein vergessenes Genie der Abstraktion

Rudolf Urech-Seon

Getrieben vom brennenden Wunsch Kunstmaler zu werden, verkauft Rudolf Urech-Seon (1876 – 1959) als 38-jähriger sein Malergeschäft in seinem Geburtsdorf Seon, im Kanton Aargau, und lässt sich 1913 an der Kunstakademie München zum Künstler ausbilden. Erst 1918 kehrt er nach Seon zurück, wo er sein ganzes weiteres Leben verbringen wird.

Rudolf Urech-Seon »Landschaft bei Seon«, 1920, Inv.-Nr.1-2794

Die Landschaft um Seon

Bestimmendes Thema seiner Anfangsphase ist die Landschaft seiner nächsten Umgebung. Die Landschaft um Seon, „diese hügelige, von Äckern, Wiesen, Seen und Wäldern durchsetzte Landschaft, welche zwar sanft anmutet, ihrer Form nach aber immer noch urtümlich geblieben ist, hat sich Rudolf Urech-Seon Zeit seines Lebens verschrieben. Sie war vor allem für seine Anfangsphase motivisch prägend.“ (Philipp Emch: „Konkrete Bäume und isolierte Leere“, in: Rudolf Urech-Seon (1876-1959). Tritt in die Neuzeit, Zürich: Scheidegger und Spiess, 2017, S. 295). 
Die Hauptelemente seines Frühwerkes; die topografischen Eigentümlichkeiten des Seetals, die lokale Pflanzenwelt und die Industrialisierung durchliefen unter der gestalterischen Hand Urech-Seons immer wieder neue Interpretationen und Metamorphosen.

Rudolf Urech-Seon »Egliswil - Seengen«, 1927, Inv.-Nr.1-1990
Rudolf Urech-Seon »Baumgruppen«, ohne Jahr, Inv.-Nr.1-2011
Rudolf Urech-Seon »Waldweg«, ohne Jahr, Inv.-Nr.1-2130

„Ein unverstellter Blick in die Natur durchdringt die Natur auf der Suche nach deren Geheimnissen. Seine Landschaftsmalerei ist bis in die späten 1920er-Jahre geprägt von der Suche nach einer eigenen Ausdrucksweise, sodass keine bestimmte künstlerische Richtung dominiert“ 

– Stephan Kunz: "Ein Anti-Held der Moderne", in: Rudolf Urech-Seon (1876-1959). Tritt in die Neuzeit, Zürich: Scheidegger und Spiess, 2017, S. 67

Rudolf Urech-Seon »Stauwehr«, 1925, Inv.-Nr.1-1987 (Bildausschnitt)

Urech-Seons Naturauffassung

Für viele seiner konservativen Zeitgenossen ist die naturalistische Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit höchstes künstlerisches Prinzip. Urech-Seons Naturauffassung in das Wesen der Natur eindringen zu wollen, hebt sich deutlich davon ab. In seinen häufig streng formalen Bildkompositionen umrandet der Künstler die farbigen Bildelemente oft mit einer dunklen Linie zur Steigerung der Farbintensität im Sinne des Cloisonismus, wie ihn in der Schweiz auch Cuno Amiet gepflegt hat (Vgl. Kunz 2017, S. 68).

Rudolf Urech-Seon »Landschaft«, 1931, Inv.-Nr.1-2769 (Bildausschnitt)

Linie, Fläche und Rhythmus

Im Zuge der 1920er-Jahre ist eine Veränderung in Urech-Seons Werk festzumachen: Des Künstlers neue Bildauffassung liegt in einer reinen Farbmalerei, die eine lineare Strukturierung der Bildfläche und eine stilisierende Wiedergabe bestimmter Landschaftselemente vorsieht.
So löst sich die Farbe in seinen Werken vom engen Gegenstandbezug los und nimmt ihren Platz als autonomes Bildelement ein. Indem Urech-Seon bestimmte Landschaftselemente zu einem abstrakten Flächenmuster zusammenschliesst, strebt er eine kompositorische Formvereinfachung an. Seine nach wie vor gegenständlichen Bildmotive führt der Künstler allmählich in geometrisch flächige Formen über. Er setzte reine Farbflächen nebeneinander, die selbst zu Elementen der Flächengestaltung erhoben werden.

 

„Schon in diesen frühen Landschaftsmalereien beachtet und betont der Maler die dem Bildgegenstand immanenten abstrakten Werte wie Linie, Flächenverteilung und Rhythmus; er sucht nach konstruktiven Werten in der Landschaft“ 

– Beat Wismer: „Rudolf Urech-Seon“, in: Von Cuno Amiet bis heute. Werke des 20. Jahrhunderts, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 1983, S. 487
"Konstruktive Werte" in der gezeichneten Landschaft
Rudolf Urech-Seon »Studie zu "Wald kubistisch"«, 1931, Inv.-Nr.1-2041
Rudolf Urech-Seon »Wald«, 1933, Inv.-Nr.1-2801
Rudolf Urech-Seon »Studie zu Ölbild«, ohne Jahr, Inv.-Nr.1-2035

Rudolf Urech-Seon »Eckig«, 1948, Inv.-Nr.1-2799 (Bildausschnitt)

Der Weg in die Ungegenständlichkeit

In den 1940er-Jahren erreicht die künstlerische Entwicklung der Abstraktion in seinen Bildern einen Höhepunkt. Ab 1945 entstehen malerische Arrangements mit geometrischen und rund geschwungenen Formen in leuchtenden Farben. Urech-Seons Alterswerk ist gekennzeichnet durch ein stark reduziertes Farbenrepertoire und eine repetitiv eingesetzte Formensprache.

 

Abstrakte Kompositionen
Rudolf Urech-Seon »Ornament-Composition«, 1948, Inv.-Nr.1-2004
Aussenseiter oder Avantgardekünstler?

Aufgrund von fehlenden Kontakten zur Kunstwelt ausserhalb der konservativ gesinnten Künstlerkreise Aaraus, bleibt besonders sein ungegenständliches Oeuvre lange unbeachtet.

Erst „mit seinem Beitritt zur Alianz (Vereinigung der modernen Künstler in der Schweiz) gehört Rudolf Urech-Seon, über 70 Jahre alt, zur aktuellen Schweizer Avantgarde. In der Folge stellt er bei den drei noch folgenden Alianz-Ausstellungen im Kunstverein St. Gallen, im Kunsthaus Zürich und im Helmhaus Zürich aus sowie 1948 und 1950, ebenfalls via Alianz, im Rahmen des Salon des Realités Nouvelles in Paris.“ (Kunz 2017, S.73)

Urech-Seon bleibt im Aargau zeitlebens ein Aussenseiter. Zunehmend isoliert von der Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer Aarau (GSMBA) führte der Künstler ein stilles Dasein in seinem Heimatort Seon.

„Das gebrochene Verhältnis zum offiziellen Künstlerverband zeigt sich auch heute noch in der Sammlung des Aargauer Kunsthauses: Sie umfasst 14 Werke von Urech-Seon (nur zwei davon sind abstrakt und wurden erst in den 1970er-Jahren erworben) im Gegensatz zu jeweils über 50 von ofiziell anerkannten Künstlern.“

– Stephan Kunz: "Ein Anti-Held der Moderne", in: Rudolf Urech-Seon (1876-1959). Tritt in die Neuzeit, Zürich: Scheidegger und Spiess, 2017, S.75

Rudolf Urech-Seon »Selbstporträt Rudolf Urech-Seon«, 1934, Inv.-Nr.1-2806 (Bildausschnitt)

„Ein Anti-Held der Moderne“

Als einer der ersten Schweizer Künstlern, die sich der Abstraktion verschreiben, gehört Rudolf Urech-Seon zu den eigenwilligsten Schweizer Kunstschaffenden des 20. Jahrhunderts. Sein Schaffen ist die beeindruckende Metamorphose eines stillen Arbeiters, welcher sein Geburtsdorf im Herzen der Schweiz nie für längere Zeit verlässt und trotzdem an wichtigen Ausstellungen teilnimmt und als Vertreter der Alianz, als Mitglied der Schweizer Avantgardebewegung gezählt werden muss.