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Intro

Kubismus, Futurismus, Pointillismus - Antonio Argudín und die kubanische Avantgarde

Über den in Havanna lebenden Sohn des kubanischen Bildhauers und Keramikkünstlers Roberto Fernández Martínez gelangten insgesamt 18 herausragende Werke des Avantgardekünstlers Antonio Argudín in die bromer art collection. Fernández Martínez pflegte seinerzeit eine anregende Künstlerfreundschaft zu Argudín und erwarb zahlreiche Werke des Künstlers. Schliesslich machte René Brogli, Inhaber und Initiator von bromer kunst, im Kunstlager des Sohnes von Fernández Martínez in der malerischen Altstadt Havannas vor zwei Jahren eine einzigartige Entdeckung. In einem Kuriositätenkabinett gleichenden Depot lagerten Argudíns Leinwände aus Jute über Jahre hinweg verstaubt und unbemerkt im gerollten Zustand. Einmal aufgerollt offenbarten die Gemälde eine erstaunliche Fertigkeit und eine unverkennbare Formensprache, die traditionell kubanische Sujets in avantgardistischer Manier zeigte. Die Begeisterung war überwältigend, als wäre ein kostbarer kunsthistorischer Schatz geborgen worden. Daraufhin verliessen die Gemälde ihren langjährigen Lagerort in Havanna und erreichten die Schweiz als Teil der bromer art collection.

EiInblick in das Kunstlager von Roniel Fernández Díaz in der Altstadt Havannas.

In der Schweiz angelangt wurden Argudíns Gemälde von der trübenden Staubschicht befreit, neu aufgezogen und gerahmt, woraufhin die Werke in neuem Glanz erstrahlten und sich ihre Bildkraft in umso verblüffender Intensität entfaltete. Angesichts des vollkommenen Ausbleibens jeglicher Information über Argudín und seinem Oeuvre sah sich das Team von bromer kunst vor einer investigativen Herausforderung gestellt.  Auch nach intensiver Recherche war es uns jedoch nicht möglich, die Lebensdaten von dem kubanischen Maler Antonio Argudín zu ermitteln. Seine uns bekannten Werke umfassen die Zeitspanne von 1947 bis 1970 und erlaubten es so, zumindest gewisse Rückschlüsse über den Künstler abzuleiten. Des Weiteren lässt sich sein künstlerisches Schaffen zeitlich eingrenzen und somit in die kubanische Kunstgeschichte einbetten.

Antonio Argudín,  «Tänzer», 1957, Öl auf Leinwand, 57 x 74 cm

Antonio Argudín, «Musikfest», 1956, Öl auf Leinwand, 74 x 102 cm 

Antonio Argudín, «Musikanten», 1957, Öl auf Leinwand, 58 x 76 cm

 

Die akademische Tradition in der bildenden Kunst setzte auf Kuba mit dem beginnenden 19. Jahrhundert ein, als der französischer Historienmaler Jean Baptiste Vermay (1786-1833) erstmals eine Kunstakademie nach europäischem Vorbild in Havanna gründete. Erst in den 1940er Jahren, als Künstler wie Wilfredo Lam (1902-1982) nach Europa reisen und dort Bekanntschaft mit den führenden Künstlern des Kubismus und des Surrealismus machen, gelangt das Gedankengut der europäischen Avantgarde nach Kuba und trägt dazu bei, dass sich Maler allmählich von der akademischen Tradition abwenden. So zeigen auch Argudíns Werke mehrere Parallelen zu avantgardistischen europäischen Stilrichtungen.

Argudíns Gemälde «Interieur-Szene» von 1957 verfolgt weniger eine perspektivisch korrekte Raumdarstellung als eine schematische Anordnung von Flächen auf der zweidimensionalen Bildebene.

Sein Verzicht auf einen perspektivischen Bildraum, die Auflösung der geschlossenen Körperlichkeit von Dingen und die künstlerische Reduzierung eines Objektes auf geometrische Figuren sind allesamt charakteristische Darstellungspostulate des Kubismus. Der durchkomponierte geometrische Bildaufbau und der punktartige Pinselduktus hingegen, verweisen auf die Stilrichtung des Pointillismus. In der Art und Weise wie Argudín Bewegungsabläufe und Dynamik durch versetzte Repetition des sich bewegenden Bildinhaltes malerisch festhält, bezieht er sich auf die italienische Schule des Futurismus.

Die «Früchteverkäufer» im 1947 gemalten Werk von Argudín verschmelzen mit den Objekten ihrer Umgebung, so dass jegliche Räumlichkeit und Bildtiefe negiert wird.

Die Anfänge einer modernen Kunst sind auf Kuba ebenso wie in anderen Ländern Lateinamerikas eng mit der nationalen Identitätsfindung verbunden. So beginnt sich auf Kuba eine Kunsttradition auszubilden, die tradierte Formensprachen aus dem Ausland übernimmt, sich aber zugleich auf ihre afrokubanischen Wurzeln und ihre nationale Kultur besinnt. Diese, der kubanischen Kunst eigenen, Synthese wird ebenfalls in den Werken Antonio Argudíns ersichtlich, der um 1950 in europäisch avantgardistischer Manier kubanische Sujets auf die Leinwand bringt. Argudín malt lebhaft musizierende Kubaner, Früchteverkäufer und freudig tanzende Figuren. Somit ruft der Künstler das Bild einer heiteren vorrevolutionären kubanischen Zivilgesellschaft hervor, welches angesichts der damals vorherrschenden Repressalien auf eine verklärte, realitätsfremde Darstellung hinweist. Die mangelnden Zeugnisse über den Künstler geben keinerlei Aufschluss über seine Gesinnung oder seine Einstellung gegenüber den politischen Ereignissen auf Kuba und lassen folglich Deutungsfreiheit über allfällige subversive Intentionen Argudíns. Festhalten lässt sich lediglich, dass sich sein Kunstschaffen in einer politisch bewegten Epoche verortet, welche sich unweigerlich auf die Kunstproduktion niederschlug. Unumstritten stellt Argudíns noch verkannte Kunst nicht nur ein wichtiges Zeitzeugnis der bewegten kubanischen Geschichte Mitte des 20. Jahrhunderts dar, sondern auch den Ausdruck einer einsetzenden avantgardistischen Kunstströmung auf Kuba.

Das auf Jute gemalte Gemälde «Berittene Armee» zeigt Argudíns besondere Darstellungsweise von Bewegungsabläufen: Ähnlich wie die Futuristen schafft er anhand von dichten Wiederholungen des selben Bildinhaltes eine beschleunigte Dynmaik in vielen seiner Werke.