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Intro
Cuno Amiet

Eine kurze Biographie in Text und Bild

Beim Betreten des lichtdurchfluteten Foyers von bromer kunst wird der Besucher rechterhand sogleich von einer übergrossen Wandfotografie, die den malenden Cuno Amiet und dessen zum eintretenden Besucher gewandten, eindringlichen Blick zeigt, begrüsst. An den umliegenden Wänden eröffnet sich dem Besucher eine bebilderte Biographie, die das ereignisreiche Leben des Künstlers anhand von kurzen Texten und historischen Fotodokumenten zusammenfasst. Sie zeigen die Lebensabschnitte des Künstlers und seine jeweiligen Wegbegleiter; so bezeugen Namen in den Bildunterschriften, wie Winston Churchill, Paul Klee, Hermann Hesse und Wassily Kandinsky, die Spannweite an Kontakten zu Grössen aus der Kunst- und Kulturwelt, die Amiet zu Lebzeiten pflegte. Zugleich vermitteln sie eine Vorstellung von dem mondänen Leben Amiets, dessen künstlerischer Werdegang der Entwicklungsgeschichte der Moderne folgt, wie sie sich noch zu Lebzeiten des Künstlers herausbildete.

Foyerbereich mit biografischen Texten und historischen Fotografien zu Cuno Amiet (Foto: Markus Beyeler)

«Selbstbildnis», 1883, Öl auf Leinwand (Detail), Privatsammlung, Schweiz, © D. Thalmann, Aarau

Die Anfänge des Künstlers

Am 28. März 1868 wurde Cuno Peter Amiet als jüngster Sohn des Solothurner Staatsschreibers und Historikers Josef Ignaz Amiet und seiner Ehefrau Katharina, geborene Kuster aus Engelberg, in Solothurn geboren. Bereits früh hegte der junge Amiet den Wunsch Maler zu werden. Als 15-jähriger malte er sein erstes Selbstporträt und mit 16 Jahren nahm ihn der anerkannte Solothurner Künstler Frank Buchser (1828–1890) als Malschüler an. Im Herbst 1886 begann Amiet seine künstlerische Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste München. Bald darauf lernte er den gleichaltrigen Giovanni Giacometti kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Beeindruckt von der französischen Malerei in der Internationalen Kunstausstellung im Münchener Glaspalast, beschlossen die beiden 1888 ihre Studien in Paris an der Académie Julian fortzusetzen.

Cuno Amiet mit Puppe, Paris 1889, © D. Thalmann, Aarau

Pont-Aven

Zunehmend unzufrieden mit dem konventionellen Akademieunterricht in Paris, zog Cuno Amiet auf Rat des ungarischen Malerkollegen Hugo Poll 1892 nach Pont-Aven in die Künstlerpension von Marie-Jeanne Gloanec. Auf der Suche nach neuen Kunstanschauungen verbrachte der 24-Jährige mehr als ein Jahr in dem pittoresken bretonischen Fischerdörfchen inmitten avantgardistischer Künstlerkreise. Inspiriert von der Schule von Pont-Aven, einer Künstlergruppe um Paul Gauguin, und im Gedankenaustausch mit Künstlerfreunden wie Emile Bernard, Armand Seguin, Paul Sérusier und Roderic O’Conor gewann Amiet gänzlich neue Einsichten in die Kunst. Aus der Fülle dieser Anregungen entwickelte er bereits in den ersten Wochen seines Aufenthalts einen grundsätzlich neuen Zeichen- und Malstil. Zunehmend wandte sich Amiet von der akademischen Tonmalerei ab und begann mit reinen Farben in neoimpressionistischer Manier zu experimentieren.

Cuno Amiet im Atelier «Die Wäsche» malend 1906/07, © D. Thalmann, Aarau

Rückkehr in die Schweiz

Im Juni 1893 kehrte der junge Amiet aus finanziellen Gründen schweren Herzens in die Schweiz zurück. Amiet bezog ein Jahr später ein Atelier in Hellsau, denn die städtische Umgebung Solothurns hatte ihn zunehmend eingeengt. Noch im selben Jahr lernte er auf Vermittlung seines Künstlerfreundes Max Leu den Maler Ferdinand Hodler und drei Jahre später den in Maloja lebenden Künstler Giovanni Segantini kennen. Beides waren Begegnungen, die ihn in seinem Malstil stark prägten. Im Juni 1898 heiratete Amiet die Hellsauer Wirtstochter Anna Luder (1874–1953). Die Suche nach einem geeigneten Wohnort führte ihn zum Weiler Oschwand bei Herzogenbuchsee. Er war sogleich begeistert von dem idyllischen Ort und bezog mit Anna nach der Heirat eine Wohnung in der lokalen Wirtschaft. 1901 erlitt Anna Amiet eine Fehlgeburt. Dieses prägende Erlebnis thematisierte Amiet in Fruchtbarkeitsallegorien und in vielen seiner späteren Versionen der Obsternte. 1904 wurde Amiet zusammen mit Hodler zur Ausstellung der Wiener Secession eingeladen, bei der er Gustav Klimt kennenlernte.

1911 auf der Terrasse von Kandinskys Wohnung in München: Cuno Amiet, Wassily Kandinsky, Helmut Macke, Heinrich Campendok, Louis Moilliet und davor Anna Amiet sowie August Macke, © D. Thalmann, Aarau

Expressionismus und die Brücke

1905 fand eine grosse Ausstellung mit mehr als 40 Werken Amiets im Künstlerhaus Zürich statt. Die aufsehenerregende Schau wurde noch im selben Jahr von der Galerie Richter in Dresden übernommen, wo sie die Aufmerksamkeit der sich wenige Wochen später formierenden Künstlergruppe Brücke auf sich zog. Im September 1906 erhielt Amiet von Erich Heckel die Einladung, der Künstlergemeinschaft beizutreten und nahm sogleich an ihrer ersten Ausstellung in der Lampenfabrik Seifert in Dresden teil. Bis zur Auflösung der Künstlervereinigung 1913 war Amiet regelmässig in ihren Wanderausstellungen vertreten. Als Schweizer Vertreter der Brücke, eine Kunstbewegung, die heute als Wegbereiterin des deutschen Expressionismus gilt, gehörte Cuno Amiet zur europäischen Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts. Seine Mitgliedschaft manifestierte sich im Aufgreifen bevorzugter expressionistischer Themen und im Gebrauch von intensiveren Farbtönen. Im Gegensatz zu seinen deutschen Künstlerkollegen sind Amiets Werke nicht Ausdruck subjektiv übersteigerter Befindlichkeit, sondern Träger einer in der französischen Maltradition gründenden angestrebten Harmonie von Farbe und Form.

Greti, Malschülerin Philippi, Cuno Amiet, Lydia und Mineli auf der Oschwand 1917, © D. Thalmann, Aarau

Leben und Wirken auf der Oschwand

1908 liess sich das Ehepaar Amiet auf der Oschwand durch den Architekten Otto Ingold ein Wohnhaus bauen. In der Folge entwickelte sich die Oschwand – nicht zuletzt aufgrund von Amiets dynamischer Malerpersönlichkeit und Annas fröhlichem, gastfreundlichem Wesen – zunehmend zu einem Treffpunkt von Künstlern, Sammlern und Literaten, welche für die modernen Strömungen in der Kunst eintraten. So hiessen Amiets namhafte Gäste wie Paul Klee, Herman Hesse, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und Lovis Corinth in ihrem Hause willkommen. Das benachbarte Bauernhaus diente dem Künstler nach Umbau als Atelier. Dort unterrichtete er im Laufe der Zeit über 20 Schüler und Schülerinnen, darunter Peter Thalmann, Hans Morgenthaler, Hanny Bay, Marc Gonthier, Albert Müller und Walter Sautter. Amiets Wohnhaus und seine Umgebung auf der Oschwand dienten ihm zeitlebens als reiche Inspirationsquelle für eine Vielzahl von Gemälden.

Cuno Amiet beim Modellieren von Figurenstudien zur «Obsternte» 1913, © D. Thalmann, Aarau

Intensive Schaffensjahre

1910 erhielt Amiet den Auftrag zur Ausschmückung der Loggia des neuen Kunsthauses in Zürich. Nach mehreren abgelehnten Entwürfen stellte er den Jungbrunnen erst im Jahr 1918 fertig. 1912 trat Amiet der Schweizer Künstlergruppe Moderner Bund bei, deren Gründung 1911 als Aufbruch der Moderne in der Schweiz bezeichnet werden kann. Die Universität Bern huldigte Amiets künstlerisches Schaffen mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde 1919. Dem mittlerweile arrivierten Künstler widmete das Kunsthaus Zürich 1922 eine umfassende Einzelausstellung. Zu Amiets 60. Geburtstag veranstaltete das Kunstmuseum Bern eine noch umfangreichere Ausstellung, die 462 Exponate umfasste, darunter Arbeiten von ehemaligen Schülern und Schülerinnen.

Cuno Amiet 1931 im Atelier, © D. Thalmann, Aarau

Brand des Münchener Glaspalastes

1931 widmete die Münchener Neue Secession dem mittlerweile 63-jährigen Cuno Amiet innerhalb der Internationalen Ausstellung eine Retrospektive im Münchener Glaspalast. Er kommentierte seine Werkauswahl mit folgendem Wortlaut: «Ich habe keine Mühe gescheut, das zusammen zu bringen, was zu meinem Besten gehört. Es sind von meinen ersten bis zu meinen letzten Bildern diejenigen ausgewählt, die zu den charakteristischsten zählen». Sämtliche 51 ausgestellten Gemälde aus dem Zeitraum von 1891 bis 1931, darunter wichtige Arbeiten aus Pont-Aven und weitere Hauptwerke, fielen einem Brand zum Opfer, der den gesamten Glaspalast zerstörte. Zwei Jahre darauf verstarb Amiets enger Freund und langjähriger Wegbegleiter Giovanni Giacometti. Doch trotz dieser Schicksalsschläge verzagte Amiet nicht – im Gegenteil, die Folgezeit stellte für den Künstler eine produktive Schaffensphase dar, in der bedeutende Werke entstanden.

Cuno Amiet in seinem Atelier ein Selbstporträt malend, 1960, © D. Thalmann, Aarau

Spätwerk

Amiets Leben war mittlerweile von grossen Erfolgen geprägt. Während ihn umfangreiche Ausstellungen in der Schweiz als erfolgreichen Künstler feierten, wurde Amiet mit der Realisierung eines Sgraffito zur Thematik der Obsternte an der Fassade des Berner Kunstmuseums beauftragt. Das 1936 fertiggestellte monumentale Wandbild stellt Amiets grösste Arbeit überhaupt dar. Mit der Darstellung von Berner Bäuerinnen bei der Apfelernte gelang dem Künstler eine malerische Veranschaulichung der gegenwärtigen Schlüsselbegriffe helvetischer Identität, die zugleich seine Stellung als Schweizer Nationalkünstler festigte. Zu Ehren von Amiets 80. Geburtstag veranstaltete das Kunstmuseum Bern 1948 eine Retrospektive seines künstlerischen Schaffens.

Auf den schmerzlich erfahrenen Tod seiner geliebten Ehefrau Anna Amiet im Jahr 1953 setzten Amiets letzte Schaffensjahre ein, die zuweilen stilistische Ähnlichkeiten mit seinem pointillistischen Frühwerk aufweisen. 1960 ehrte die Kunsthalle Basel den Künstler mit einer grossen Retrospektive – die letzte Ausstellung zu Amiets Lebzeiten. Nach einem ereignisreichen und überaus produktiven Leben verstarb Cuno Amiet am 6. Juli 1961 im Alter von 93 Jahren in seinem Haus auf der Oschwand. Er wurde auf dem nahen Friedhof bei einem von Otto Charles Bänninger gestalteten Grabmal beigesetzt.

Familie Amiet im «Pic-Pic» von Gertrud Müller am Defilée von General Wille in Solothurn 1914, © D. Thalmann, Aarau

Wichtige Mäzene

Cuno Amiets herausragende künstlerische Leistung vergönnte ihm die finanzielle Unterstützung von vermögenden Kunstförderern und somit die nötigen Mittel für seine unvergleichliche Künstlerlaufbahn.

Bereits vier Jahre nach seiner Rückkehr in die Schweiz, im Jahre 1897, besuchte der Papierfabrikant Oscar Miller den Künstler in seinem Solothurner Atelier. Dort erwarb er das erste Gemälde seiner später rund 300 Werke umfassenden Amiet-Sammlung. Miller identifizierte sich leidenschaftlich mit den künstlerischen Zielen seines Malerfreundes und wurde zu einem glühenden Interpreten und Verteidiger seiner Arbeit.

Im Jahr 1905 erwarb der wohlhabende Zürcher Eisenwarenhändler Richard Kisling erste Werke von Amiet; es entwickelte sich ein reger freundschaftlicher Austausch, der in einer reichen Korrespondenz und in einer über hundert Arbeiten Amiets umfassenden Sammlung seinen Ausdruck fand.

Eine wichtige Mäzenin und überdies enge Bekannte repräsentierte die aus einer Solothurner Fabrikantenfamilie stammende Gertrud Dübi-Müller (1888-1980). Anlässlich der Eröffnungsausstellung des Kunstmuseums Solothurn lernte sie 1902 Cuno Amiet kennen. In der Folge erteilte ihr Amiet Malunterricht und begeisterte sie für das Werk von Vincent van Gogh. Ihr bereits in jungen Jahren vorhandenes, reges Interesse für Kunst war Ausgangspunkt für den Aufbau einer bedeutenden Kunstsammlung, wofür sie im Laufe der Zeit auch eine Vielzahl von Werken Amiets erwarb.

Text- und Bildquellen
  • Franz Müller und Viola Radlach; unter Mitarb. von Larissa Ullmann, Cuno Amiet: die Gemälde, 1883-1919, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2014
  • Urs Zaugg, Cuno Amiet in fotografischen Dokumenten, Herzogenbuchsee: Scheibli + Co., 1985