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Ein Kommentar zur Geschichte und Rezeption

Der Bilderrahmen

Die Tatsache, dass Gemälde (auf Abbildungen) in Ausstellungs- und Sammlungskatalogen oftmals ohne Rahmen reproduziert werden, zeugt von der sekundären Rolle von Zierrahmen, die unter dem fortwährend wandelnden Zeitgeschmack und geänderter musealer Präsentationsweise in ihrer repräsentativen Funktion in den Hintergrund rücken. Dabei strebten Institutionen und Sammler im Laufe der Rezeptionsgeschichte eines Werkes stets eine ästhetische Einheit von Bild und Rahmen an. Doch mit jedem Besitzerwechsel gingen neue ästhetische Werte und folglich neue Rahmen einher, die an eine bevorzugte Epoche anknüpften und als einheitliches Ensemble von Bild, Rahmen und Raum in eine institutionelle oder private Umgebung eingebunden wurden. In Anbetracht des volatilen Charakters des Zierrahmens, der ihn als austauschbare Komponente auszeichnet, sah sich der Rahmen zunehmend seiner ästhetischen Zugehörigkeit zum Bild beraubt.
 

Hieronymus Francken II (Antwerpern, 1578–1623), A Collector’s Cabinet, Öl auf Holz, 90 x 120 cm, Bild: commons.wikipedia.org

Fünf Beispiele gerahmter Werke von bromer kunst, die wir nun genauer unter die Lupe nehmen, sollen dieser Tatsache entgegenwirken:

Die Beweinungsszene von Philippe de Champaigne wird von einem holländischen Kabinettrahmen mit poliertem Ebenholzfurnier und vergoldeter Sichtleiste umfasst. Im 17.Jahrhundert dominierten neben geschnitzten Goldrahmen vor allem holzsichtige Kabinettrahmen mit poliertem Ebenholzfurnier die Rahmenkunst nördlich der Alpen. Die stark kontrastierten Lichtverhältnisse in der Beweinungsszene von Philippe de Champagne finden sich durch das goldene Band auf schwarzem Grund auf im Rahmen wieder. Die goldene Leiste auf dunklem Grund umfasst die Szene wie ein goldener Nimbus. Etwas prunkvoller präsentiert sich der französische Barockrahmen, der das Vogelstillleben von Melchior de Hondecoeter umgibt. Ein Band aus Nüssen, Eichenblättern, Blüten und Beeren ziert die äussere Rahmenleiste und nimmt so das dargestellte Stilleben thematisch auf. Weiter nennt eine an der unteren Leiste angebrachte, beschriftete Metallplatte den Künstler sowie dessen Geburts- und Todesjahr.
 

Philippe de Champaigne - Engel beweinen den Leichnam Christi, 17. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, 142 x 193 cm, Inv.-Nr. 1-1047

Melchior de Hondecoeter - Reiches Stillleben mit Entenfamilie, Tauben und Pfau - im Hintergrund eine hügelige Landschaft, 17. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, 103 x 128 cm, Inv.-Nr. 1-1905

Verschiedene Formen der Bildpräsentation beeinflussen den repräsentativen Wert eines Gemäldes, der durch eine bestimmte Rahmung unterstrichen werden kann. Besonders vergoldete Rahmen verleihen dem Werk eine zusätzliche materielle und visuelle Aufwertung. Farbe und Textur des Oberflächenabschlusses eines Zierrahmens beeinflussen die Eigenschaften seiner Lichtreflektion: Strukturierte Oberflächen, Kombinationen aus Glanz- und Mattvergoldung und die Konturen der geschwungenen Zierleisten sind oftmals so ausgelegt, dass sie Licht einfangen und auf das Gemälde reflektieren. Die Lichtwirkung von Goldrahmen kam der oft schlechten Beleuchtung und dem spärlich einfallenden Tageslicht in Interieurs und Kunstsalons zugute.

François-Joseph Heim, Le Salon de 1824 (1827), Musée du Louvre, Paris. Die feine Gesellschaft versammelt vor den vollbehangenen Wänden des schummrigen Louvre-Salons. Ausschliesslich Goldrahmen finden sich ausgestellt.  Bild: commons.wikipedia.org

In den Ausstellungsstatuten der Royal Academy in London wird ein ausschliessendes „Goldrahmengebot“ formuliert: „FRAMES. – None but Gold Frames can be admitted. The Council find it difficult to make Regulations on this subject“. Analog verhielt es sich im Pariser Salon der Louvre-Epoche, der immer auch als eine Schau französischer Überlegenheit gegenüber Europa im Bereich der Kunst verstanden und konzipiert wurde und dessen staatliche Inszenierung durch prachtvolles Dekor, Prestige, Pomp und Pracht den Stil der Zeit diktierte.

 

Blick in eine Rahmenmacherwerkstatt, um 1900, Bild: commons.wikipedia.org

Das Zeitalter der aufkommenden Industrialisierung und die neuartigen Produktionsverhältnisse begannen im frühen 19. Jahrhundert mit dem traditionellen Handwerk des Rahmenmachers zu konkurrieren. Länderspezifische Rahmentraditionen rückten allmählich in den Hintergrund und gleichzeitig stellte die industrielle Revolution die Weichen für eine weitgehend homogene und weniger elaborierte Rahmenkunst. Geschnitzte Rahmen und Echtvergoldungen wichen zunehmend maschinell geformten Stuckrahmen mit standardisiertem Repertoire.

Der dominanteste Stil im gesamten 19. Jahrhundert verschrieb sich hinsichtlich der Rahmenkunst der umfangreichen historischen Quelle französischer Prototypen. Viele der erhältlichen Rahmen wurden selbst in französischen Werkstätten unter Verwendung von französischen Musterbüchern und Techniken gefertigt. So wurden klassizistische, Louis-XIII, Louis-XIV, Régence- und Rokoko- Muster nach ihren traditionellen Vorbildern im Salon de Paris reproduziert.

Diese vergoldeten Stuckrahmen waren trotz ihrem reichen Dekor auch für das neue bürgerliche Mäzenatentum erschwinglich.

Das Landschaftsgemälde von Anton Winterlin ist mit einem Goldrahmen mit Karnies-Profil und Eckverzierungen gerahmt. Die stuckartigen Verzierungen sind schlichter gehalten, dies scheint die ruhige Atmosphäre der dargestellten Landschaftszene zu unterstreichen .

Auch die Interieur-Szene von Friedrich Albert Schröder wird umfasst von einem Goldrahmen (im Louis-XV-Stil).  Der etwas ausgearbeitetere Rahmen scheint wiederum Bildinhalte in sich aufzugreifen, wie es bereits bei de Hondecoeter der Fall war: Die Palmetten auf der Trennwand sowie die Schnitzerei der Holztruhe korrespondieren zum Stil des Rahmens. Durch seine geschwungene Silhuette und seine körperhaftes Volumen tritt dieser Rahmen deutlich aus der Fläche hervor. 

Ein polychrom gefasster Rokoko-Schnitzrahmen nach dem Vorbild von Nicolas Quinberg Foliot, umfasst eine kleine Ölmalerei eines unbekannten Künstlers. Die französische Chinoiserie aus dem 18. Jahrhundert und der ausserordendlich fein geschnitzte Rahmen mit Schilfrohr und Rosenranken und einer abschliessenden zentralen Muschel ergeben hier eine Zusammenspiel, das auf den ersten Blick auch in die französischen Art Déco des 20. Jahrhunderts eingeordnet werden könnte. 

Anton Winterlin - Aussicht auf Interlaken,Öl auf Leinwand, 57 x 82 cm, Inv.-Nr. 1-1938

Friedrich Albert Schröder - Musikunterricht, 1898, Öl auf Holz, 30 x 40 cm, Inv.-Nr. 5-707 

Unbekannter Künstler - Französische Chinoiserie, ca 1780
Öl auf Leinwand
134 x 125 cm

Erst um die Jahrhundertwende begannen Künstler eigene Rahmen zu konzipieren und ihre Werke vom Goldrahmengebot zu befreien. Schlichtere Künstler- oder Atelierrahmen begannen sich vermehrt durchzusetzen, die frei von jeglichem Repräsentationsanspruch lediglich zur physischen Befestigung an der Wand dienen sollten.

Doch unabhängig davon mit welchem Rahmen sich uns ein Werk präsentiert, wir sollten ihn zumindest in Kenntnis nehmen, schließlich nimmt der Rahmen eine essenzielle Vermittlerrolle zwischen dem Gemälde und dessen Umgebung ein und er fungiert stets als Kommentar zum Bild, das er umfasst.


Text: Evelyn Bangerter